Körper & Geist
Die verschiedenen Organe und Funktionskreise des Menschen haben sowohl körperliche als auch geistige Funktionen, deswegen können beide Funktionsebenen positiv beeinflusst werden - zum Beispiel mit der Akupunktur.
Herz - Sitz des Shen
Das Herz spielt eine sehr bedeutende Rolle in der Chinesischen Medizin. Es ist der Sitz des Bewusstseins (Shen), das sich durch den Körper ausdrückt. Die geistige und körperliche Präsenz des Menschen, die Art und Weise seines Auftretens, ist Ausdruck des Shen.
Ein Mensch mit gesundem Shen hat einen hellen, klaren Verstand, einen klaren Blick, eine aufrechte Haltung, eine kräftige Stimme und einen gesunden Körper. Er ist physisch wie psychisch stabil und ausgeglichen. Der Zustand des Herzens beeinflusst alle mentalen und emotionalen Aktivitäten.
Um seiner Funktion, den Geist zu beherbergen, nachkommen zu können, benötigt das Herz ausreichend Blut. Gleichzeitig braucht das Herz den Geist, um das Blut regieren zu können. Diese wechselseitige Abhängigkeit ist für den Praxisalltag wichtig, denn ein Ungleichgewicht auf dieser Ebene kann zu Unruhe, Depression, Angstzuständen und Schlafstörungen führen.
Milz - die Gedankenkraft
Die Milz hat zusammen mit dem Magen eine wichtige Verdauungsfunktion. Die Nahrung wird analysiert und Teile davon werden dem Körper einverleibt; unverdauliche oder unbrauchbare Nahrungsbestandteile hingegen werden ausgeschieden. Diese Funktion übernimmt die Milz auch auf geistiger Ebene, die Erlebnisse des Tages wollen ebenfalls verdaut werden.
Beim Lernen spielt die Milz eine wesentliche Rolle: Sie muss analysieren und dem Menschen Wissenswertes einverleiben, während unwichtige oder nicht hilfreiche Daten aussortiert werden müssen. Dies betrifft auch Gedankenkonzepte, Glaubensätze und Moralvorstellungen, die das Leben eines jeden stark beeinflussen können. Die Milz hat hier die Aufgabe, alten Ballast über Bord zu werfen, um den Weg frei zu machen für neue Sicht- und Verhaltensweisen. Gesunde und nützliche Konzepte hingegen sollen bewahrt werden.
Ist die Milz zu diesenTransformationsleistungen nicht mehr ausreichend in der Lage, kann dies zum Beispiel zum Gedankenkreisen führen: Bestimmte Gedanken und Gefühle können nicht mehr losgelassen werden und bestimmen das innere Erleben wie auch das äußere Handeln. Von Sorgen getrieben wird es zunehmend schwieriger, sich auf das Hier und Jetzt einzulassen.
Lunge - die "Körperseele"
Die Lunge gehört zur "Wandlungsphase Metall" und wird mit der Jahreszeit „Herbst“ assoziiert. Der gesunde Mensch ist in der Lage, Abschied zu nehmen und Altes loszulassen – gegebenenfalls mit einem gesunden Maß an Trauer. Loszulassen ist Voraussetzung für jeden Neubeginn.
Vor allem Gefühle wie Traurigkeit und Kummer beeinflussen die Lunge, können sie einschnüren und das freie Atmen behindern.
Die Lunge steht in enger Verbindung mit der Haut. Auf geistiger Ebene gilt es, ein gesundes Maß an Abgrenzung und Durchlässigkeit zu finden, sich zur richtigen Zeit eine „dicke Haut“ zuzulegen und andererseits empfänglich zu bleiben für die Sorgen und Nöte anderer. Gelingt dies nicht, sieht sich der Betroffene dazu veranlasst, von Trauer, Mitleid und/oder Schuld überwältigt, anderen Menschen zu helfen, und zwar über die eigenen Möglichkeiten hinaus. In diesem Fall ist eine gesunde Abgrenzung nicht mehr möglich ist und die Gefahr ist groß, dass sich der oder die Betroffene mittel- und langfristig verausgabt.
Niere - die Willenskraft
Am Anfang eines jeden Projektes stehen zunächst Gedanken und Ideen, die umgesetzt beziehungsweise auf die materielle Ebene überführt werden wollen. Hierzu bedarf es Beharrlichkeit und Willenskraft – beides Funktionen der Niere. Der Nieren-Aspekt des Bewusstseins ist also unentbehrlich, wenn wir langfristig erfolgreich sein und unsere Ziele erreichen möchten.
Die Willenskraft bezieht sich jedoch nicht nur auf die äußere Ebene (Geld, beruflicher Erfolg, Familie, soziales Ansehen). Zum Nieren-Bewusstsein gehört auch die innere Stimme, also der Aspekt des Willens, der uns zeigt, was wirklich wichtig ist für unser Leben. Wenn wir nur einem Erfolg nach dem anderen hinterherjagen und uns keine Zeit mehr dafür nehmen, unser Bewusstsein nach innen zu lenken und in der Stille auf unsere innere Stimme zu hören, wird unser Leben auf Dauer leer und bedeutungslos. Berauscht von unseren Erfolgen merken wir vielleicht viel zu spät, dass wir unseren eigenen moralischen Ansprüchen und Idealen nicht mehr gerecht werden, dass sich Freunde von uns abwenden und die Familie auseinanderbricht.
Daher ist es wichtig, immer wieder einen Schritt zurückzutreten und aus der Vogelperspektive zu beurteilen, in welche Richtung sich das eigene Leben entwickelt: Auf was für ein Leben möchte ich im Alter zurückblicken? Was möchte ich meinen Angehörigen und Freunden, vielleicht auch meinem Volk oder sogar der Menschheit hinterlassen? Für welche Werte stehe ich ein? Habe ich diese Werte auch gelebt?
Gönnen wir uns oft genug diese Zeiten der Kontemplation und Meditation, können wir rechtzeitig Kurskorrekturen vornehmen oder bereits entstandenen Schaden begrenzen. Auch schützen wir uns so davor, auszubrennen beziehungsweise unsere Kraftreserven übermäßig zu strapazieren.
Leber - die "ätherische Seele"
Eine gut funktionierende Leber lässt Blut und Qi frei fließen, verleiht Handlungsfähigkeit, Durchsetzungsfähigkeit und Souveränität. Gleichzeitig bleibt ein gesunder Mensch wohlwollend, empfindsam und verletzlich. Die Leber-Energie sorgt dafür, dass sich der Mensch in der Welt behaupten und sich seinen Platz in der Welt verschaffen kann. Eine gesunde Abgrenzung zu anderen Menschen spielt ebenfalls eine Rolle.
Leber-Menschen handeln auf der einen Seite rasch und entschlossen, andererseits neigen sie zu Ungeduld. Treten Hindernisse auf, führen diese schnell zu Frustrationen und voreiligen Reaktionen. Der innere Druck, unter dem Leber-Typen stehen, und die Ruhelosigkeit führen zunächst zu erheblichem Stress und im ungünstigen Fall schließlich zum Burnout. Leber-Menschen können dann unter erheblichen Gefühlsschwankungen (Wut, Trauer, Unsicherheit) leiden und ziehen sich letztlich zurück (Depression).
Ist die Leber nicht mehr im Gleichgewicht, kann dies zu sehr unterschiedlichen Symptomen führen wie Kopfschmerzen, stressbedingte Verdauungsbeschwerden und schmerzhafte Menstruationsbeschwerden.